Die hängenden Gärten von Mexico City

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Vertikale Gärten sind mehr als nur Trendthema. In Mexico City setzen sie sich zunehmend als Maßnahme zum Klimaschutz durch. Und das ist einem jungen Unternehmer geschuldet. Claudia Nassif berichtet, Corinna von der Groeben hat fotografiert.

Mexico City ist eine Stadt der Extreme. Es herrschen Wassermangel und Erdbebengefahr, ein Vulkan spuckt in unregelmäßigen Abständen Asche. Die Hauptstadt ist uralt, wunderschön, und riesengroß; sie ist hip, dicht und lebendig – eine echte Megastadt eben. Mit 21 Millionen Bewohnern, die alle saubere Luft zum Atmen brauchen. Und genau davon gibt es nicht genug.

Industrieentwicklung, schnelles Bevölkerungswachstum, und ein hohes Verkehrsaufkommen, haben Grünflächen in der Stadt verdrängt. Dazu kommt, dass die Stadt in einem Tal liegt. Die Atmosphäre ist sehr dünn; Luft tauscht sich nur schlecht aus, und wenn es wärmer wird, umschließt Smog die Stadt wie eine Glocke. Seit den 90er-Jahren kämpft Mexico City bereits mit einer aktiven Klimaschutzpolitik gegen die schwere Luftverschmutzung an – selbst Fahrverbote sind keine Seltenheit mehr. Die Luftqualität hat sich seither verbessert, bleibt aber weiterhin bedenklich. In 2017 wurden über 900.000 Fälle von Atemwegserkrankungen gemeldet. „Make-sicko City“ nennen daher einige Bewohner die Stadt.

Mehr urbane Natur könnte helfen. Doch für mehr Parks und Grünflächen ist in Anbetracht der zunehmenden Dichte der Stadt einfach nicht genug Platz. Momentan stehen im Durchschnitt jedem Einwohner 3,7 m² Grünflache zur Verfügung, was weit unter den 9m² liegt, die die Weltgesundheitsorganisation als Minimum empfiehlt. „Wenn man nicht genug Raum in der Horizontalen hat, dann muss man eben in die Höhe denken“, folgerte der 36-jährige Architekt Fernando Ortiz Monasterio. Inspiriert von den vertikalen Gärten des französischen Künstlers Patrick Blanc, gründet Ortiz 2006 das Unternehmen ‚Verde Vertical‘. Ihn treibt eine Vision: eine Stadt voll hängender Nutz- und Ziergärten, die den urbanen Raum regenwaldartig überwuchern. Sie sollen dazu beitragen, die Luft zu verbessern und die Bevölkerung zu ernähren. Seit der Unternehmensgründung hat Ortiz schon über 400 Gärten errichtet hat – die meisten davon in Mexico City. Bis zur Verwirklichung seiner Vision ist es noch ein weiter Weg. Doch der Grundstein ist gelegt.

Impressionen aus Mexico

Am Anfang stand die Herausforderung, eine verlässliche hydroponische Technologie zu entwickeln, die den Pflanzen ein Leben in der Vertikalen ermöglicht. Ortiz‘ Gärten sind an Metallgerüsten aufgehängt, die mit einem speziellen Filzteppich überzogen sind. Sie können an jeder Wand befestigt werden, ohne in die Architektur des Gebäudes einzugreifen. Anstatt im Boden, leben die Pflanzen also in Taschen, die nur mit wenig Erde gefüllt sind. Der Filz erlaubt den Pflanzenwurzeln, sich mit der Konstruktion zu verflechten. Die Gerüste sind mit einem innovativen, elektronischen Bewässerungssystem ausgestattet, das Regenwasser auffängt und über den Filzteppich an die Pflanzen abgibt. Defizite werden über ein Wasserreservoir ausgeglichen. Sensoren überwachen Lichteinfall, Temperatur, Wasser- und Nährstoffverbrauch rund um die Uhr. Doch bis die Technologie ausgereift war, mussten viele Pflanzen ihr Leben lassen. „Ich möchte glauben, dass sie für einen höheren Zweck gestorben sind“, gesteht Ortiz mit schmerzerfülltem Gesicht ein. Sein Vater war ein Umweltaktivist, er selber liebt Pflanzen. Verlust will er unter allen Umständen vermeiden. Für Ortiz ist das Überleben der Pflanzen ein Gradmesser des Erfolges.

In solchen Filztaschen leben die Pflanzen. Die Wurzeln verflechten sich mit der Zeit mit dem Material.
In solchen Filztaschen leben die Pflanzen. Die Wurzeln verflechten sich mit der Zeit mit dem Material.

Und der hängt von einem weiteren Faktor ab: Geld. Vertikale Gärten sind teuer. Die Konstruktionskosten hängen von der Größe und der Designkomplexität ab, gehen bei großen Flächen aber schnell in den 6-oder gar 7-stelligen Bereich. Der Unterhalt ist noch kostenintensiver: Strom, Nährstoffe, und regelmäßige Wartung belaufen sich jeden Monat auf etwa 10% der Konstruktionskosten. Das können sich nur wenige Menschen leisten. Fast alle seine Auftraggeber sind daher private Unternehmen. Und darin liegt ein Risiko für den Bestand der Gärten. Denn wenn sie nicht mehr in das Konzept oder das Budget der privaten Auftraggeber passen, müssen sie deinstalliert werden. Und da die Pflanzen mit dem Filzmaterial verwachsen, lassen sie sich nur schwer umbetten.

Restaurant Padrinos in Mexico City
Restaurant Padrinos in Mexico City

Was tun? In einer Stadt wie Mexico City lässt sich eine rein öffentliche Finanzierung teurer Grünanlagen trotz des positiven Beitrags zur Klimabilanz angesichts einer Politik, die Probleme wie Armut, hoher Kriminalität und Mängel in den öffentlichen Dienstleistungen anzugehen hat, nur schwer rechtfertigen. Um die Gärten nachhaltig zu sichern, fand Ortiz deswegen eine andere Lösung: ein Finanzierungsmodell durch öffentlich-private Partnerschaften. Die Stadt stellt die Fläche zur Verfügung, Verde Vertikal sucht private Partner, die die Konstruktions- und Wartungskosten übernehmen und einen Teil der Gärten im Gegenzug dann als Werbefläche nutzen dürfen. Wenn ein Partner abspringt, sucht Verde Vertikal einfach nach einem neuen, und die Gärten leben weiter.

Das Modell ist aufgegangen. Entlang der Periférico, einer zweigeschossigen Stadtautobahn, erstreckt sich das erste Projekt dieser Art. Die Via Verde, oder „grüne Straße“ schmückt ein 30 Meter hohes Asphaltmonster auf Stelzen. Jede Sekunde stoßen hier Hunderte von Autos schwarze Wolken in die Luft. Es herrscht ohrenbetäubender Lärm. In krassem Kontrast dazu die Gärten: An jedem der Pfeiler hängt einer, nur jeder 10. Pfeiler unterbricht das botanische Bild durch bunte Werbeplakate. Bis 2020 werden insgesamt 1000 Pfeiler begrünt, die saubere Luft für geschätzt 25,000 Einwohner produzieren.

Projekt Via Verde entlang der Periférico

Das Bild, das sich hier bietet, fasst sowohl Problem als auch Lösungsansatz gut zusammen. Wo das Großstadtleben von Geschwindigkeit und Dichte geprägt ist, von Luftverschmutzung und Lärm, rauscht nun im Sekundentakt die Alternative eines pflanzlichen Arkadiens am Autofahrer vorbei. Und Werbung. Das mag hierzulande an Greenwashing erinnern. So wie die organischen, geschwungenen Pflanzenmuster, die sich an Firmengebäuden hochziehen und hier und da die Form eines Unternehmenslogos nachzeichnen.

Aber die Mexikaner scheinen zufrieden und die Zustimmung der Bevölkerung für die Gärten, die zunehmend das Stadtbild prägen, ist groß. Die öffentliche Wahrnehmung ist Ortiz sehr wichtig, er versteht sich als Unternehmer im Dienste seiner Mitmenschen. Über soziale Medien und auf Plaketten, die an den Pfeilern der Via Verde haften, werden die Bürger aufgefordert, auf Probleme hinzuweisen oder bei einer Telefonhotline Beschwerden einzureichen. Kritik gibt es nur wenig; allerdings halten einige das Projekt für Geldverschwendung. Sie wissen nicht, dass es nicht durch Steuermittel finanziert wird.

Ortiz hofft, noch mehr Gärten mit dem öffentlich-privaten Finanzierungsmodell zu bauen. Aber noch lieber wäre ihm, die Kosten der Wasseraufbereitung und Düngung radikal zu senken. Daran arbeitet er zurzeit. Wenn es ihm gelingt, wären die Gärten auch für private Haushalte und Kommunen attraktiv – in den kleinen Filztaschen könnten nämlich durchaus auch Gurken, Salate und anderes Gemüse wachsen. Und Ortiz wäre ein Stück näher dran an seinem Traum von einer grünen, selbstversorgenden Dschungelstadt.

Vertikale Gärten im Polanco Viertel

Good to know

Möchtest Du wissen, wie grün Deine Stadt ist? Die Berliner Morgenpost hat 2016 eine interaktive Karte erstellt: https://interaktiv.morgenpost.de/gruenste-staedte-deutschlands/