Sonnenblumen und Sternenkinder

Krittika Arvind schenkt Pflanzen ein zweites Leben


Lesezeit: 4 min

Die Grafikdesignerin Krittika Arvind lebt im Westen Berlins mit ihrem Mann. Krittika ist eine Pflanzenretterin, deren Zuhause voller Zöglinge ist. Sie spricht mit ihnen, sie malt sie, sie nutzt sie für ihre Kochkünste. In der Wohnung duftet es nach Curry, eine Spuckpalme lässt leise ploppend ihre Samen durch den Raum fliegen und eine blühende Hoya wächst durch eine Küchenreibe. Good vibes.
fyta: Pflanzen werden öfter mal ausgesetzt, weil wir sie immer noch stark wie Objekte behandeln. Du gehörst also zu den Menschen, die solche Pflanzen retten?
Krittika Arvind: Ja, ich habe so ein bisschen so etwas wie ein „obsessive Rettungs-Disorder“ (lacht). Wenn ich sehe, dass eine Pflanze gerettet werden kann, dann nehme ich sie mit.
Wie entscheidest Du, ob eine Pflanze gerettet werden muss?
Aus dem Bauch heraus. Die ersten geretteten Pflanzen hier sind zum Beispiel von einem Baumblütenfest in Werder. Während alle Besucher fasziniert die Blüten im Baum angeschaut haben, habe ich am Straßenrand so kleine Pflanzen gesehen, die zertrampelt wurden. Ich dachte, die sind doch eigentlich super schön. Ich habe sie in ein nasses Tuch gewickelt und mit nach Hause genommen. Und die kommen jetzt jedes Jahr von selbst wieder, sind grün, und pflegeleicht, und lokal! Also perfekt.
Welche Pflanzen hast Du noch gerettet?
Ich rette alle Pflanzen, auch Unkraut. Und die Vögel schenken mir viel auf meinem Balkon, da lasse ich alles wachsen, bis ich erkennen kann, was es wird. Manchmal finde ich ein neues Zuhause, manchmal müssen sie in den Biomüll. Dann sage ich zu ihnen, Du kommst irgendwann wieder. Jetzt hilfst Du erstmal dem Biomüll.

Viele der geretteten Pflanzen leben auf Krittika's Balkon

Sowohl im hinduistischen als auch im buddhistischen Glauben gibt es ja die Idee der Reinkarnation. Könntest Du Dir vorstellen, als Pflanze wiedergeboren zu werden?
Ich habe mich mal sehr stark mit dem tibetischen Glauben um den Dalai Lama beschäftigt, und ich habe den sogar getroffen! Man hat mir erklärt, als Pflanze wiedergeboren zu werden, würde bedeuten, ein Leben ohne Eifer oder Ambitionen zu führen. Ich würde das als sehr beruhigend empfinden. Es wäre wie die gut bezahlte Rente eines fleißigen Lebens davor.
Wo bist Du selber verwurzelt?
Mittlerweile hier. Ich komme aus Südindien, bin in Hyderabad und Bangalore groß geworden. Als Kind hatte ich immer eine winzige Art Sonnenblume im Haar, mein fröhlicher Begleiter. Ich bin in Bangalore geblieben, um Bildende Kunst zu studieren. Der Campus war übrigens toll, in den 40er und 50er Jahren hatte man nur Unterricht im Freien unter großen Bäumen, die bis heute da stehen. In London habe ich dann meinen Mann am Ende seines Erasmusaufenthaltes kennengelernt. Und dann sind wir zusammen nach Berlin gezogen.
Sind Dir bei diesen vielen kulturellen Einflüssen Unterschiede aufgefallen, was die Beziehung zu Pflanzen betrifft?
In Indien waren Zimmerpflanzen und die Faszination dafür einfach Teil des Haushalts. Jeder hatte Pflanzen, drinnen und draußen. Manche haben ganz teure Orchideen gesammelt, oder ganz spezielle Arten von Kakteen, für die dann Pflegemittel aus dem Ausland importiert wurden. Das war fast schon ein Kult, eher scary. In Deutschland gibt es immer mal wieder diese komischen Trends. Eine Zeit lang haben alle die „Rio Pink“ aus Brasilien gekauft, ich dachte dann immer, oh Gott, bitte nicht schon wieder. Ich sag den Leuten schon direkt, bitte schenkt mir keine gekauften Pflanzenkeine gekauften Pflanzen sondern lieber Ableger von ihren eigenen. Oder Samen von besonderen Arten, denen ich beim Wachsen zuschauen kann.

In der Wohnung tummeln sich zum Teil ungewöhnliche Pflanzen: Hoya Bella (Porzellanblume), Ficus Ruby, Tamarinde, Königs-Aloe Vera, Ficus Benjamina Barok, und Zöglinge der Madagaskar Spuckpalme

Wo findest Du denn Deine Pflanzen?
Viele lasse ich aus Samen wachsen, z.B. meine Tamarinde, Sapote und Zitruspflanzen. Manche kaufe ich in kleinen Geschäften, gerne auch die „Restposten“. Viele finde ich auf Reisen, die Underdog-Pflanzen (lacht). Auf meinem Balkon wollte ich immer diese Grasart von meiner Nachbarin haben, habe mich aber nie getraut, sie danach zu fragen. Dann kam die eines Tages mit dem Wind als Geschenk. Das muss Gedankenübertragung gewesen sein.
Glaubst Du, dass auch die Pflanzen kommunizieren?
Ja klar. Ich habe die Dokumentation „das geheime Leben der Pflanzen“ von David Attenborough gesehen, da wurde erklärt, dass Pflanzen über Düfte bzw. Pheromone kommunizieren. Wenn eine Pflanze infiziert ist kann sie die anderen warnen. Und wenn eine mehr CO2 ausstößt, produziert die andere daraufhin mehr Sauerstoff! Und auch meine Zimmerpflanzen leben in einer Art Gemeinschaft. Ich merke das, wenn ich sie umstelle. In manchen Konstellationen sind sie super happy, und eine wächst auf einmal fünf Zentimeter in einer Woche und dann denke ich, okay, die beiden nebeneinander mögen sich!

First gone with the wind, now here to stay: die Gräser der Nachbarin

Wie pflegst Du Deine Pflanzen? Wie oft gießt Du?
Ich kontrolliere jeden Tag oder jeden zweiten Tag und gucke einfach ob die Erde trocken oder das Substrat zu fest ist und gelockert werden sollte. Und ich gucke auch immer auf die Blattrückseiten, ob da Läuse oder Spinnen wohnen. Über die Zeit habe ich aus meinen Erfahrungen gelernt, wie die Pflanzen sich verhalten. Irgendwie kommunizieren sie, was sie brauchen.
Welche von Deinen Pflanzen hat die interessanteste Geschichte?
Oder die längste Reise vielleicht? Hier die Efeu-Aunty…
…Du nennst sie Efeu-Tante?
Ja (lacht). Ältere Damen in Indien, die man nicht mit „Du“ anspricht, nennt man respektvoll „Aunty“. Sie ist die älteste hier, wir haben sie aus einer kleinen Gärtnerei gekauft, da war sie so schätzungsweise drei bis vier Jahre alt. Bei mir ist die jetzt seit über zehn Jahren. Als sie wuchs habe ich immer zu ihr gesagt, bitte nicht auf den Ofen ranken. Ich hab das Gefühl, sie hört auf meine Anweisungen! Aber wenn sie zu groß wird mache ich Ableger, die ich an Freunde weitergebe, und muss sie beschneiden. Die Äste verschenke ich als Deko-Material an Blumenläden, aber nur einer freut sich. Die anderen haben nur gesagt, Du hast ja wohl ein paar Schrauben locker (lacht).

Efeu-Aunty, eigentlich eine Efeutute, lebt bereits seit 10 Jahren in der Wohnung

Machst Du auch Indoor Farming?
Ja, ein bisschen. Ich habe meinen Curryblätterbaum, sehr wichtig für die südindische Küche. Dann habe ich noch verschiedene Arten Minze. Marrokanische Minze von einem Kräuterspaziergang in Brandenburg, die wächst da überall! Sonst habe ich Tomaten, Knoblauch, Sauerampfer, Erdbeeren… und hier in der Küche gibt’s Basilikum.
Und wie ist das mit dem Kochen und den Pflanzen? Kochst Du nach Rezept oder Gefühl?
Ich koche nach Nostalgie, was ich von meiner oder Markus Oma kenne. Und auch nach Farblaune. So kombiniere ich meine Zutaten und es macht Spaß und führt zu Entspannung. Ich nehme mir sehr viel Zeit und immer nur eine Hauptzutat. Wenn das ein Mangold ist, dann gucke ich mir den genau an. Der hat so was Stängeliges und Zartes. Das muss das Gericht dann rüberbringen.
In den Illustrationen, die Du machst, schlägt die Nähe zu Pflanzen schon durch.
Diese persönlichen Arbeiten sind Ausdruck meiner Gedanken, ich plane die nicht von Anfang bis Ende. Ich starte einfach mit einem kleinen Punkt oder einem Strich und lasse es generativ wie eine Pflanze wachsen. Wie meine Gedanken. Anfangs wusste ich nie was das wird. Und am Ende kann man bestimmte Pflanzen darinerkennen, wenn man will. Ich lasse meine Bilder immer offen für Interpretation.

Ihre kreativsten Rezepte sammelt Krittika in diesem Notizbuch

Krittika's Illustration sind sehr häufig von Pflanzen inspiriert

Krittika's Illustration sind sehr häufig von Pflanzen inspiriert

Wie würdest Du Deine Beziehung zu Pflanzen beschreiben?
Die Pflanzen sind eine Spiegelung von mir, weil ich in ihnen sehe, wie ich mich fühle. Wenn es mir nicht gut geht, vernachlässige ich sie und dann zeigen sie mir wiederum, dass irgendwas nicht stimmt. Wenn alle glücklich aussehen, bin ich auch in Balance. Sie sind also eine Art Motivationscoach.
Krittika, was bedeutet eigentlich Dein Name?
Mein Onkel hat in einem Magazin gelesen, das dieser Name einer Sternenkonstellation gegeben wurde, die ein südindischer Astrologe entdeckt hat. Krittika heißt also Stern.
Krittika's Rezept für fyta: Mangold in Kokoscurry

Zutaten:

ca. 15 Mangold Blätter, ohne Stängel

2-3 Nelken

1 Stange Zimt  (1 cm langes Stück)

3 mittelgrosse rote Zwiebeln, in dünne Scheiben geschnitten

3 Zehen Knoblauch

1/2 Teelöffel Mexikanisches grünes Chilipulver, oder 2 Grüne Chilischoten

150 ml Kokosmilch

250 g Reis

 

 

 

  1. Reis kochen
  2. Zwiebeln und Knoblauch fein schneiden, mit einer Nelke und Zimtpulver in einer Pfanne glasig anbraten.
  3. Mangoldblätter hinzufügen, auf niedriger Flamme dünsten.
  4. Kokosmilch, Salz und Chilipulver hinzufügen. So lange köcheln, bis die Blätter zart sind.

Mit Reis servieren.

Reicht für ca. 4 Personen