war gardens - Lalage Snow

Kriegsgärten

Grüne Zufluchtsorte inmitten der Zerstörung


Lesezeit: 5 min

Über sieben Jahre hinweg hat Lalage Snow Menschen in ihren Gärten fotografiert: in Afghanistan, in Gaza, in der Ukraine. Die Fotografien spiegeln etwas Sanftes, fast Friedliches wider; jeder Kontext scheint vergessen. Snow’s Erzählungen in dem daraus entstandenen Buch stellen einen krassen Gegensatz zu den Bildern dar. Sie verdeutlichen, dass diese Gärten nicht irgendwo bestehen - sondern inmitten von Kriegsgebieten. Valerie Kittlitz hat mit der Fotojournalistin über “War Gardens” gesprochen.
fyta: Die Gärten in Deinem Buch sind ganz schön beeindruckend. Wann kam Dir der Gedanke, sie und ihre Besitzer zu fotografieren?
Lalage Snow: 2012 erwähnte ich einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung gegenüber, in Kabul einen Garten zu haben. Das hat ihn richtig überrascht. Und da kam mir der Gedanke zum ersten Mal. Der Außenwelt ist das vielleicht wirklich nicht so bewusst, aber in allen Konfliktgebieten, in denen ich war – in Gaza, in Irak – gab es immer auch Gärten. Wir haben in der SZ eine Strecke gebracht, und danach habe ich einfach weitergemacht. Es schien mir eine gute Idee zu zeigen, dass es diesen Gegensatz gibt, bei all den gängigen Bildern vom Krieg.
Du hast über 150 Gärtner portraitiert, in vier verschiedenen Ländern. Hinter fast allen steckt eine Geschichte davon, wie es ist, mit der Grausamkeit des Alltags im Krieg umgehen zu müssen. Hat Dich eine besonders bewegt?
Oh, es gab so viele… Ich denke manchmal an Badria. Ihr Garten war gleichzeitig eine Art Wachposten. 2008 wurde ihr Viertel bombardiert und sie und ihre Kinder haben darunter sehr gelitten. Viele Menschen sind deswegen traumatisiert, und halten sich nicht mehr gerne drinnen auf. Deswegen bleibt auch Badria in ihrem Garten, der ihr nicht nur Trost spendet, sondern auch Aussichtspunkt ist, von dem aus sie nach ihren Kindern Ausschau hält. Vielleicht denke ich daran, weil ich selber gerade Mutter geworden bin. Es muss so schrecklich sein, darauf zu warten, ob die Kinder auch wirklich von der Schule zurückkommen.

Badria Khilanil in ihrem Garten in Gaza, 2013: "Wir leben im Schatten des Krieges und der Besatzung. Es geht keine Tag vorbei, an dem ich nicht von all dem Horror träume. Aber wenigstens dieser Garten erinnert an Schönheit, und an Gott."

Trauergarten, Israel, 2013. Anonym: "Ich pflanze jetzt Dinge in Raketenhülsen. Ich weiss nicht recht, aber das lässt alles etwas weniger verrückt erscheinen, oder?"

Die Menschen halten ihre Gärten mit Leidenschaft am Leben, manchmal nicht ohne Risiko. Eine der Frauen in Deinem Buch beschreibt, dass ihr Mann auch dann noch Wasser holte, als um sie herum die Bomben fielen. So eine Aussage erscheint extrem. Aber vielleicht zeigt sie auch, dass sich die Menschen an den ständigen Konflikt gewöhnt haben.
Das ist leider sehr wahr. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Bürgerkrieg in Afghanistan schon vor rund dreißig Jahren begann. Wer in so einem Konfliktgebiet lebt, versucht so gut als möglich eine Art Normalität aufrecht zu erhalten, eine Würde. Hamidullah zum Beispiel pflanzte eine Blume, um seinem verstorbenen Freund zu gedenken. Als die Blume wuchs und blühte sagte er, es sei als ob sein Freund ins Leben zurückgekehrt sei. Der Garten ist eine Möglichkeit, sich an etwas anderem zu orientieren als dem Gedanken an den Tod.
Hamidullah, Afghanistan 2017: " Mein Freund war Offizier in der Armee, und wie ein Bruder für mich. Er wurde vor eineinhalb Jahren während eines Kampfes getötet. Ich konnte vor Trauer nicht schlafen. Ich habe erst gegärtnert um alles zu vergessen, dann Blumen gepflanzt um ihn zu erinnern."
Die Menschen, die Du zeigst, kommen aus unterschiedlichsten Regionen. Inwiefern vereint sie das Gärtnern?
Interessant ist, dass ich oftmals erst durch das Sprechen über den Garten Zugang zu ihnen bekam. Manchmal klopfst Du an eine Tür, erklärst, dass Du Journalistin bist und über den Krieg berichtest. Und viele sagen dann, mit Dir will ich doch nicht sprechen. Du kommst bloß her, willst eine Geschichte, gehst wieder weg, und nichts ändert sich für uns. Wie die Geier. Ich verstehe das im Übrigen total gut. Ich habe dann gesagt, ok - können wir vielleicht über Deinen Garten sprechen? Das hat die Leute oft aufgeweicht.

… ich kann ohne Nahrung leben; ich könnte nicht leben, ohne Blätter und Blumen zu sehen. Wenn ich im Garten bin, bin ich im Paradies.

 

Kabir Mohammed, ein Gärtner aus Afghanistan
Die meisten der Gärten, die Du festgehalten hast, enthalten sowohl Zier- als auch Nutzpflanzen. Im ersten und zweiten Weltkrieg wurde das Gärtnern öffentlich angepriesen, als Mittel gegen den Versorgungsdruck, und um die Zivilbevölkerung zu motivieren. „Kriegs- oder Siegesgärten“, wie sie in England und den USA genannt wurden, waren Teil der Propaganda.
Solche Tendenzen habe ich nur in der Ukraine gesehen. Im Nahen Osten oder in Afghanistan weniger, weil privates und öffentliches Leben dort nicht so getrennt sind. Aber in der Ukraine gab es einen Bezug zu einer Art Öffentlichkeitsverschönerung, die es in Donezk schon seit circa hundert Jahren gibt. Im kürzlichen Konflikt wurden immer noch Babushkas in die Stadt geschickt, um sicher zu gehen, dass sie schön und aufgeräumt aussieht. Alexander, den ich getroffen habe, erzählte mir, er würde auch deshalb Tomaten ziehen, um seiner Enkelin beizubringen was es heißt, eine gute Ukrainerin zu sein. Seine ganze Haltung, auch zum Garten, hatte etwas Nationalistisches an sich. Aber ganz generell sind die Menschen stolz auf ihre Gärten. Zu Recht! Sie stecken so viel Zeit in sie.
Du beschreibst sehr eindrücklick, wie Du mit Deinen eigenen Gefühlen umgehen musstest, wie schwierig die Arbeit oft ist, wie sehr sie Dich beansprucht. Die Gärten spenden den Menschen Trost. Konntest Du indirekt auch Kraft daraus ziehen?
Ja, wahrscheinlich habe ich deswegen überhaupt weiter gemacht. Das lief immer nebenher, zu so einem Gefühl, dass ich an einem hoffnungslosen Ort arbeite. Dann denkst Du, hier sind Menschen, die im Gegensatz zu mir bleiben müssen. Die haben nicht den Luxus, den nächsten Flieger in ein anderes Land nehmen zu können. Die sind physisch und mental verankert. Die haben keinen Ausweg. Und dann denkst Du, wenn die das schaffen, schaffe ich das auch.
Oleg pflückt Pflanzen vor seinem Haus, das durch die Bombardierungen vollständig zerstört wurde. Simonovka, Ukraine, 2014.
Good to have
War Gardens: A Journey through Conflict in Search of Calm
von Lalage Snow
Taschenbuch (Englisch) – 6. September 2018