Pflanzen machen Welt

Ein Gespräch mit dem Philosophen Emanuele Coccia


Lesezeit: 6 min

Wenn es um das Einfühlen in Pflanzen geht, ist Emanuele Coccia einer der ganz Großen. Sein Buch „Die Wurzeln der Welt“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt, seine Philosophie ist bahnbrechend. Denn Emanuele, der Professor für Philosophiegeschichte an der EHESS in Paris ist, beschreibt die Schönheit, den Geist, die Seele der Botanik aus ästhetischer und philosophischer Sicht, und zeigt dabei, von der Wurzel bis zur Blüte, dass Pflanzen die verkannten Herrscher der Welt sind.
fyta: Dein Buch ist außergewöhnlich, weil es ein gelungener Versuch ist, Pflanzen philosophisch zu betrachten, statt nur naturwissenschaftlich. Was hat Dich dazu inspiriert?  
Emanuele Coccia: Als Teenager wurde ich von meinen Eltern zu einer Schule für Landwirtschaft geschickt und habe mich fünf Jahre mit Pflanzen beschäftigt. Die Schule war gleichbedeutend mit einem Exil, denn damals wurde Landwirtschaft nicht als Kultur angesehen. Gleichzeitig war das eine unglaubliche tiefe Erfahrung, denn ich musste jeden Tag versuchen, Lebewesen zu verstehen, die sich nicht wie Tiere oder Menschen ausdrücken können. Diese Zeit hat mich nachhaltig geprägt. Aber der spontane Auslöser war ein Besuch des Fushimi Inari Schreins in Japan. Das ist sozusagen ein Wald mitten in der Stadt, bei Kyoto. Für einen westlichen Menschen ist der Besuch wie eine psychedelische Erfahrung. Als ich da durchwanderte habe ich mir gesagt, ich muss irgendwas über Pflanzen schreiben, ich muss diese zwei Seiten meines Lebens irgendwie versöhnen. Denn obwohl ich weiter über Pflanzen, Biologie oder Botanik las, unterrichtete ich an der Uni eher Religionsphilosophie oder Ästhetik. Ich wollte diese beiden Seelen vereinen.
Emanuele Coccia im Tiergarten
Du sprichst sinngemäß in dem Buch von einem Physiozid, der Tatsache, dass man Pflanzen in den Geistes- und Naturwissenschaften als Untersuchungsgegenstand verloren hat. Das war ja nicht immer so. Was erklärt deiner Ansicht nach dieses Phänomen?
Hm. Es gibt ältere Gründe dafür, zum Beispiel, dass Aristoteles, der Vater der westlichen Überlegungen, über alles geschrieben hat, nur nicht über Pflanzen. Diese Blindheit existiert schon seit Jahrtausenden. Und auf der anderen Seite ist es vielleicht deswegen so, weil wir nicht umhin können jeden Tag Pflanzen zu essen, und es uns schwerfällt ihnen den gleichen Status einzuräumen wie Hunden oder Katzen. Sonst müssten wir unsere einfachsten Gesten hinterfragen. Wenn wir sagen, Pflanzen sind Lebewesen, müssen wir gleich einräumen, dass wir irgendwie Kannibalen sind. Aber klar: unser Leben ist immer das Leben, das andere entwickelt haben und wir für wir uns selbst geraubt oder eingenommen haben. Auf der anderen Seite machen wir auch nichts dagegen. Ich habe jetzt eine kleine Tochter und in den Kinderbüchern, da tauchen Tiere als Persönlichkeiten auf, aber Pflanzen haben keinen Namen, keine Identität, die sind nur „Natur“. Deswegen ist es auch schwierig, aus dieser Blindheit hinauszukommen.
Eine Deiner Kernaussagen ist, dass wie Pflanzen verstehen müssen, um die Welt zu verstehen. Denn Pflanzen, wie es im Buch steht, „machen Welt“. Damit stellst Du den Anthropozentrismus gewaltig auf den Kopf und erklärst Du Pflanzen zu höheren Wesen, mit Fähigkeiten, die unsere weit überschreiten. An anderen Stellen sagst Du hingegen, alles müsse als gleichrangig gesehen werden…
Ja, das stimmt (lacht). Es ist so:  wir sind gewohnt, den Darwinismus so zu verstehen, dass Spiritualität oder Geistlichkeit oder Denken nur ein Spiel von Atomen oder Molekülen, und all das nur naturwissenschaftlich zu verstehen ist. Aber die tiefste Bedeutung des Darwinismus ist eigentlich die entgegengesetzte, dass nämlich alles, was wir beim Menschen finden, auch bei anderen Lebensformen vorgeht, nämlich die Metamorphose. In diesem Sinne finde ich, dass alle Lebewesen gleich sind, denken, fühlen, eine Intention haben. Was die Hierarchie betrifft, gibt es einige die mehr beitragen. Pflanzen sind Leben. Ihr Beitrag zur Existenz der Welt ist riesig.

Im Gespräch mit Emanuele Coccia

Emanuele erklärt uns seine Idee von der kosmische Psyche der Pflanzen. Und warum sie die eigentlichen Herrscher der Welt sind.

Du siehst Pflanzen als Vermittler, die uns das Leben erklären. Was würde sich ändern, wenn wir Pflanzen besser verstehen würden?
Ja – alles! Hier sind wir im Wald. Es ist eines zu denken, wir sind an einem Ort wo alles grün ist, wie die Wände einer Wohnung, und ein anderes zu überlegen, dass es hier ein Volk von lebenden und fühlenden Lebewesen gibt, mit denen wir nicht reden, aber zu denen wir in Beziehung stehen. Auch in der Stadt - die Erfahrung wäre eine ganz andere, wenn Pflanzen nicht als Ornament gesehen würden sondern als Lebewesen, die da stehen und das Recht haben sich wohl zu fühlen. Das ist ein riesiger Unterschied. Ein zweiter wäre, wir können nicht umhin Pflanzen zu essen. Also wäre unser Verhältnis zum Akt des Essens ganz anders, wir würden verstehen, dass wir uns ein Lebewesen einverleiben, und das ist eine Art Reinkarnation im wirklichen Sinne, weil wir den Körper eines anderen Lebewesens einnehmen, und wir hätten mehr Respekt für andere Lebewesen.
In Deinem Buch geht es an vielen Stellen sehr sinnlich zu. Es geht oft um Sex. Sex als kosmischer Event, als Moment der Identitätsauflösung; Blumen und Blüten als etwas Geschlechtliches. Einige Passagen lesen sich wie Softporn für Sapiosexuelle. Welche Rolle spielt Sexualität in Deiner Philosophie der Pflanzen? 
Eine riesige, aber nicht nur in der Philosophie der Pflanzen. Sexualität ist essentiell für uns, aber das Problem ist, dass wir den Sex missverstehen. Sex ist nicht nur die Fähigkeit ein geschlechtliches Verhältnis mit jemandem zu haben. Sex ist z.B. die Tatsache, dass mein Körper das Resultat einer Mischung von zwei Identitäten ist, der meiner Mutter und meines Vaters, die in einem Kompromiss resultiert. Er beschreibt also auch den Umstand, dass meine Fortpflanzung nicht die exakte Reproduktion meiner Identität sein kann - oder darf - sondern eine Vermischung mit Rest der Welt sein muss. Das ist Sex. Dass wir uns ständig mit der Welt vermischen müssen.
Heißt das auch dass wir im Prinzip ständig Sex mit Pflanzen haben?
Nicht nur mit Pflanzen, auch mit Ideen, Worten… Sexualität ist, dass wir nicht identisch bleiben können. Auch beim Essen, unser Körper vermischt sich mit anderen Körpern. Um ein Körper zu bleiben, muss mein Körper das Fleisch eines anderen Körpers, anderen Lebewesens, einnehmen. Das gehört auch zur Sexualität würde ich sagen. Und unser Körper ist auf indirektem Wege eigentlich gebaut aus dem Fleisch der Pflanzen. Wir sind eine Metamorphose. Nicht nur um die Welt zu verstehen, sondern auch uns selbst, müssen wir verstehen, was eine Pflanze ist.

Pflanzen, sagt Emanuele, erschaffen die Welt jeden Tag auf’s Neue, Pilze nehmen sie auseinander.

Hast Du zuhause auch Pflanzen?
Ich bin gerade umgezogen und musste sie leider zurücklassen. Normalerweise ja, viele! Es ist ein bisschen wie Kinder zu haben, es gibt Dir unglaublich viel Struktur, weil Du bestimmte Dinge tun musst jeden Tag. Vater zu sein bedeutet, zu verstehen dass Dein Leben von anderen Lebewesen abhängt. Und das habe ich auch durch die Forschung an Pflanzen verstanden. Dass wir erst durch Beziehungen, als Netzwerk, am Leben bleiben.
Good to have

Die Wurzeln der Welt

Emanuele Coccia

 

Hanser Verlag, 2018

192 Seiten

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