Zwischen Hingabe und Konsum

Eine Ausstellung im Botanischen Museum Berlin beleuchtet unsere Beziehung zu Zimmerpflanzen


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Zimmerpflanzen sind wieder hip. Das wird spätestens klar, wenn man sich auf Instagram umschaut: der Trend des Jungalow scheint unaufhaltsam. Dabei sind Zimmerpflanzen mehr als Hashtag, Like oder schnöde Deko. Das zeigt derzeit auch die Ausstellung „Geliebt, gegossen, vergessen: Phänomen Zimmerpflanze“ im Botanischen Museum Berlin. Ein Gespräch mit der Kuratorin Kathrin Grotz.
fyta: Geliebt, gegossen, vergessen – beschreibt das wirklich unsere Beziehung zu Zimmerpflanzen, oder was hat es mit dem Namen der Ausstellung auf sich?
Kathrin Grotz: Wir haben ursprünglich überlegt, die Ausstellung "Eine Geschichte der Moden - die Zimmerpflanzen der Deutschen" zu nennen, aber schnell gemerkt, dass es kaum Forschung dazu gibt, und wenige Unterlagen. Die wechselnden Moden von Zimmerpflanzen, ihre Kulturgeschichte, sind schwer zu verfolgen. Die meisten Zimmerpflanzen sind tatsächlich schon relativ früh zu uns gekommen, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Viele waren trotzdem noch lange unbekannt, weil sie in ihrer ursprünglichen Form noch nicht im größeren Rahmen vermarktbar waren, oder nicht dem Geschmack entsprochen haben.
Und das Vergessen, das bezieht sich darauf, dass man sie nach einer Weile zu Hause vergisst und sie keine Rolle mehr spielen?
Ja. Es ist einerseits ein Seitenhieb auf Leute, die ihre Pflanzen vertrocknen lassen, weil sie sie irgendwann einfach ausblenden. Zum anderen bezieht es sich auf vergessene Zimmerpflanzen, die heute zwar noch bekannt sind, aber in unseren Innenräumen nicht mehr überleben können, weil sie Bedürfnisse haben, die wir unsere modernen Innenräume nicht mehr erfüllen.
Ah, also sind Wohntrends der Grund warum gerade die Monstera so beliebt ist, und nicht Palmen?
Genau, eine Kulturgeschichte der Zimmerpflanze ist immer gleichzeitig auch eine Kulturgeschichte des Wohnens. Man nehme die Heiztechnologie. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es keine flächendeckenden Zentralheizungen. Ein weiterer Schritt ist unser Isolierungswahn – das sind Dinge, die unser Raumklima wahnsinnig verändern. Und das beeinflusst, welche Pflanzen mit uns leben können. Pflanzen kamen in unsere Innenräume, als wir anfingen Häuser mit größeren Fenstern zu bauen. In einem Innenraum des späten 19. Jahrhunderts überlebten vor allem Pflanzen, die Schatten gewohnt sind, weil es wegen schwerer Vorhänge relativ duster war. Farne waren beispielsweise sehr beliebt, und auch Papierpflanzen hat man genutzt. Bei den jetzigen Pflanzentrends fällt auf, rein optisch betrachtet, dass skulpturale Pflanzen beliebt sind. Das hat definitiv einen Design-Aspekt. Die Monstera und auch Kakteen werden außerdem sehr alt, es sind Dauerpflanzen, die nicht ganz so empfindlich sind. Auch bizarre und ungewöhnliche Pflanzen sind beliebt, wenn man sich beispielsweise die Pilea anschaut.
Wie steht es um die Beziehung zwischen Mensch und Pflanze. Sind Zimmerpflanzen etwas für jeden?
Was ich wirklich spannend finde ist den Bezug Zimmerpflanzen und Psychologie. Der Arbeitsplatz wird nicht nur verschönert, sondern es hat definitiv auch Einfluss auf die Kreativität und den Output. Selbst Pflanzenhasser können sich dem nicht entziehen. Es gibt Studien, die das beweisen: es gibt eine evolutionäre Prägung im Gehirn, die dazu führt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn keine Pflanzen da sind. Insofern - ja! Jeder sollte Zimmerpflanzen haben. Aber es sollte auch mit Sinn und Verstand passieren, man muss selbskritisch sein und wissen, was man einer Pflanze überhaupt bieten kann.
Ja, Pflanzen ziehen eine Verantwortung mit sich. Wie steht’s eigentlich um nachhaltige Pflanzenliebe: lieber Zimmerpflanzen oder Schnittblumen?
Das finde ich schwierig, auch bei Topfpflanzen selber ist es von Fall zu Fall unterschiedlich. Man muss wirklich immer im Einzelnen gucken, wo sie unter welchen Bedingungen hergestellt werden. Die Goldfruchtpalme z.B., die wird massenweise unter nicht nachhaltigen Bedingungen hergestellt und existiert in der freien Natur kaum mehr. Und das gilt für Schnittblumen ganz genauso. Auch das große Thema Blumenerde: es gibt einige Kollegen bei uns im Haus, die Zimmerpflanzen ablehnen, weil sie sagen, man kann sich nicht sicher sein, ob sie Torferden enthalten, für deren Abbau Moore vernichtet wurden. Da gibt es wirklich keine pauschale Antwort.
Bei Zimmerpflanzen geht es letztlich um den Aspekt des Gärtnerns, aber ganz anders als beim Gärtnern im Freien fehlt oft die Lust, Zimmerpflanzen aus Samen aufzuziehen und zu züchten. Grundsätzlich kauft man Pflanzen lieber als fertiges Produkt. War das je anders?
Heutzutage, wo alles verfügbar ist, ist der Einkauf natürlich bequemer. Aber wenn man in die jüngere deutsche Vergangenheit geht und schaut, wie das in der DDR war mit Zimmerpflanzen, waren viele Pflanzen gar nicht im Geschäft erhältlich. Da gab es ganz andere Netzwerke: das Tauschen und Verschenken von Ablegern war weit verbreitet. Auch im frühen 19. Jahrhundert waren Zimmerpflanzen kostbare Exoten und nicht einfach im nächsten Laden erhältlich. Wenn der Markt und das Angebot knapp wären, käme das vielleicht wieder stärker zum Tragen. Auch der derzeitige Trend zu Innerlichkeit und Beziehungspflege bringt das Teilen und Vermehren von Pflanzen zurück.
In den vergangenen Jahren thematisierte das Botanische Museum vor allem ferne Länder und exotische Pflanzen. Wie ist die Idee zu der heimischen Zimmerpflanzen-Ausstellung entstanden?
Die Funktion unserer Ausstellungen ist es, die Forschung des Hauses anschaulich zu machen, und einen Einblick in die Welten zu ermöglichen, in die unsere Wissenschaftler eintauchen. Aber es geht auch darum, dass die Menschen, die zu uns kommen, eine Verbindung zu Pflanzen herstellen. Und zu Zimmerpflanzen haben wir eine besondere Verbindung, wie unsere Ausstellung zeigt. Es wäre schön, wenn unsere Ausstellung dazu führt, dass Menschen einen neuen frischen Blick auf die eigenen Pflanzen werfen. Das ganze Phänomen der Plant Blindness, dass man durch die Gegend läuft und nur sagt, Pflanze!, aber nicht mal benennen kann und will, welche Art es denn jetzt genau ist - das ist sehr fundamental. Und dagegen müssen wir wirken.

Die Ausstellung „Geliebt, gegossen, vergessen: Phänomen Zimmerpflanze“ ist noch bis zum 2. Juni 2019 im Botanischen Museum in Berlin zu sehen.