Ein neues Zuhause für Pflanzenwaisen

Das Projekt Botanoadopt vermittlet ungewollte Zöglinge


Lesezeit: 6 min

In einem Hochhaus in Frankfurt-Höchst, eingekeilt zwischen City und Flughafen, sitzt Botanoadopt: ein Waisenhaus für ungewollte Pflanzenzöglinge. Das ganze ist ein Projekt des Küstlerduos 431art, hinter dem Haike Rausch und Torsten Grosch stecken. Wir haben sie und ihre Waisenkinder im Atelier besucht.

Stell Dir mal vor, Du läufst die Straße entlang, und da steht plötzlich ein großer grauer Kasten. Wie ein Verteilerkasten sieht er aus. Und das ist er auch, aber hier wird nicht Strom umverteilt, sondern botanisches Leben. Der Kasten hat eine Klappe. Wenn man die öffnet, kann man Pflanzen hinein stellen, die man nicht mehr haben will. Babyklappe? Nein, Pflanzenklappe! Wie kommt man auf so eine Idee?

Haike: Wir haben immer wieder Pflanzen in Mülltonnen gefunden. Noch nicht mal davor gestellt, sondern einfach zerschnitten, zu groß geworden, oder verblüht – ab in die Tonne! Da fehlt es an Wertschätzung. Wenn man eine Pflanze für drei Euro billig kaufen kann, pflegt man sie vielleicht weniger. Und gleichzeitig haben wir dieses extreme Artensterben. Diese Diskrepanz zu erkennen, das war der zündende Moment. Dazu wollen wir arbeiten.

Torsten: Es geht um Teilhabe. Die Pflanze ist nicht abgeschnitten vom Geschehen. Andere Menschen können teilhaben an der Idee von Natur. Das ist sehr romantisch. Aber das war ein Trigger, zu sagen: wenn einer mit diesem Stück Leben nichts anfangen kann, dann gibt es vielleicht jemand anderen der sich daran freut!

Haike: Bei einer kleinen Zimmerpflanze kann man sich natürlich fragen, was hat denn das mit dem Artensterben zu tun. Aber letztlich ist es ja so, ohne Pflanzen können wir überhaupt nicht leben. Pflanzen können super ohne uns, aber umgekehrt? No way.

Haike und Torsten im Hausflur, wo es viel Platz für die größeren Pflanzenwaisen gibt

Aus der Pflanzenklappe geht es also erstmal ins Atelier von Haike und Torsten, das das Zuhause von Botanoadopt ist. Die beiden versorgen die Pflanzen. Und dann geben sie sie zur Adoption frei – über das Internet. Mittlerweile ist dadurch ein Netzwerk entstanden, an dem sich richtig viele Menschen beteiligen.

Torsten: Wir hatten immer zwei Ansätze. Einmal die Webpräsens, um den Prozess zu erleichtern. Und dann wollten wir einen niedrigschwelligeren Zugang ohne Strom oder Internet. So ist die Pflanzenklappe entstanden. Und wir bringen ein Buch heraus, das ein klassischeres Manifest ist, in Papierform, im Regal. Genau wie die Pflanze vielleicht.

Passt ja auch beides irgendwie. Da hat man das world wide web, ein bisschen wie das wood wide web, das uns unsichtbar umgibt. Und Papier – also Chlorophyll.

Haike: Das Thema Pflanzen war auch schon vor Botanoadopt ein wichtiger Teil unserer künstlerischen Arbeit. Da gab es unter anderem ein Projekt zu Lemna Minor, also der kleinen Wasserlinse.

Torsten: In einem ehemaligen Klärwerk, das Teil der Industriekultur hier im Rhein-Main-Gebiet ist und als Ausstellungsort vorgeschlagen war, fanden wir mehrere Klärbecken. Voller Entengrütze.

Haike: Die Wasserlinse wird ja etwas abfällig betrachtet. Diese Einteilung in „schädlich“, oder nicht, hat uns interessiert. Wir haben dann festgestellt, dass die Wasserlinse nicht nur in der Homöopathie verwendet wird, sondern mit 43% Proteinanteil sehr nährhaltig ist. Also haben wir Suppe gekocht aus der Wasserlinse. Neben dem Klärwerk, direkt da wo die Fäkalien geklärt wurden. Und die Leute fanden das interessant.

Beim Konzept hinter Botanoaopt geht es auch um das Mitmachen. Man muss einen Vertrag unterschreiben, bevor man die Pflanze mitnehmen kann. Ansonsten kostet sie nichts. Außer zwei Fotos pro Jahr, die die neuen Pflegeeltern ans Waisenhaus zurück schicken müssen.

Haike: Also, die Bilder sind nicht als Kontrolle gedacht. Das empfinden aber viele Leute so. Wenn der Vertrag kommt, schrecken einige schon zurück. Aber es war noch nie so schnell und einfach wie heute, ein Foto zu machen und zu verschicken. Für uns sind die wichtig, weil sie Einblick ins Lebensumfeld der Pflanze bieten, wie man mit denen umgeht, die dekoriert und so. Das ist spannend, dass es so eine Interaktion gibt.

Torsten: Ein Stück weit die Fortführung der Biografie der Pflanze.

Lauter kleine Adoptivpflanzen. Alle haben einen Namen, wie zum Beispiel "Skater Twins", und eine kleine Geschichte. Die kann man auf der Plattform einsehen.

Bevor sie zur Adoption bereit sind, erzählen die Pflanzen Haike und Torsten nämlich etwas aus ihrem Leben, das die beiden dann festhalten und ins Netz einpflegen. Eine kleine Geschichte, zusammen mit Bild und Namen.

Torsten: Manche springen voll auf den Namen an. Einer hatte nicht viel mit Pflanzen am Hut. Aber er fand die Biografie gut und hat dann so eine richtige Welt für die Pflanze gebaut. Ein anderer hat eine Fotostory gemacht wie die Pflanze nach Hause kam. Als Dokument.

Seit 1998 machen Haike und Torsten als 431art zusammen Kunst. Botanoadopt lebt von künstlerischen Fördermitteln und Spendengeldern. Das Projekt wurde vor ziemlich genau zehn Jahren gelauncht. Damals gab es gleich einen großen Rummel darum.

Torsten: Das hat uns in den Anfängen auch total überrascht, dieser Medienhype. Das ging bis zu einem Radiosender aus Moskau, der anrief! Wir dachten, der Nachbar veräppelt uns.

Haike: Es ist total spannend zu sehen, was passiert. Botanoadopt ist ja im Grunde eine künsterlische Utopie. Wenn wir das konsequent weiterdenken, dass Pflanzen Lebewesen mit einer eigenständigen Wahrnehmung sind, die wir auf Augenhöhe sehen und behandeln, dann müssten sich alle Bereiche in der Gesellschaft ändern. Alle.

Seit 2017 gibt es auch Adoptionsangebote aus dem benachbarten Ausland. Weil die Pflanzenklappe nicht immer und überall aufgestellt sein kann, schicken die Leute Bilder an botanoadopt, Haike und Torsten setzen die ins Netz, mit Standortangabe. So wächst das Netzwerk. Und wenn jemandem all das zu kompliziert ist?

Haike: Dann sagen wir, macht ja nichts! Es gibt so viele Möglichkeiten an eine Pflanze zu kommen. Aber bei uns gehört eben ein bestimmtes, konzeptuelles Regelwerk dazu. In dem Vertrag steht zum Beispiel auch drin, was man macht wenn die Pflanze ablebt. Da ist halt wichtig, dass man sich in einer selbstgewählten Zeremonie nochmal verabschiedet und bedankt für die gemeinsame Zeit. Manche schicken sogar Fotos mit einer Urne.

Torsten: Man soll dieses Konzept im weitesten Sinne befolgen, um das Projekt fortzuführen. Man kann die Pflanze auch mit Andacht in die Biotonne legen. Da ist man frei.

Botanoadopt sitzt im Mitscherlichhaus in Höchst. Hier warten lauter kleine Pflanzenwaisen auf Adoptiveltern

Good to know

Über die Website kannst Du mitmachen und Teil des Projekts botanoadopt sein.