"PFLANZEN HABEN MICH VERANTWORTUNG GELEHRT."

- Oumou AIDARA

"Who are we to say

that cockroaches

are disgusting

– maybe we are?"

FASZINATION
LEBENSZYKLUS

Oumou weiß, wie man Eis bricht. Abwasch, Chit-Chat, Lachen. Ihre Unaufgeregtheit hat etwas weltgewandtes. Genauso wie ihre Wohnung in Berlin Neukölln: Familienbilder aus Senegal, afrikanische Drucke, buddhistische Kunst. Hier ist jemand viel rumgekommen. Oumou’s Hobbys sind ähnlich bunt und bewegt: Kontrabass, Training mit ihrer queeren Laufgruppe, analoge Kameras, veganes Kochen und – ihr ahnt es – Pflanzen – und zwar viele!

Nach Berlin ist Oumu Aidara vor vier Jahren für ihr Fotografie Studium gezogen, das sie im letzten Pandemiesommer abgeschlossen hat. Ein starker Kontrast zu ihrer Heimat Senegal, wo sie umgeben von Natur aufgewachsen ist. Ihr Stepdad besitzt eine Mango-Farm mit Tieren, die Mama züchtet Rosen, Industrie-Farming trifft auf Ziergarten. Bizarr? Nö. Die beiden sehr unterschiedlichen Konzepte sind ein super Match. Rosen brauchen Dünger und Tierkaka muss weg. Eine Kreislaufwirtschaft, die nicht nur streng riechende Fäkalien und das pathetische Symbol der Liebe verbindet, sondern auch von Respekt im Umgang mit Tieren geprägt ist. Oumou’s Mama hört man nicht selten sagen: „Dear cows and horses I need your shit - please!”

"NATURE WILL DECIDE AND EVENTUALLY WIPE US OUT!"

Oumo sieht darin ein Abbild des natürlichen Lebenszyklus: Fortpflanzung, Geburt, Blühen, Leben, Ableben und Zersetzung. Das sind auch die Themen, die sich in ihren Mixed-Media Arbeiten wiederfinden. Dabei ist ihr Blick auf die Natur und deren Prozess fasziniert und urteilslos.

In „The taste of depersonalisation“ inszeniert sie einen faulen Apfel zusammen mit einer ausgetriebenen Zwiebel. Für uns ein gammeliges Stück Obst, das schnell entsorgt werden muss, bevor die Fliegen kommen und es richtig eklig wird. Für die Natur jedoch eine Quelle neuen Lebens. Kohl und Zitronen, hastig besorgt und im Kühlschrank vergessen, werden von Oumou in „Seeds“ als Schmuckstücke gefeiert, als Luxusgegenstände des Alltags.

In „Du sang et du lait“ lichtet sie Kakerlaken auf nackter Haut ab. Yukky? Hierzu sagt Oumou nur: “Who are we to say that cockroaches are disgusting – maybe we are?”

Menschen spielen in ihren Arbeiten eine eher untergeordnete Rolle: “We might feel entitled to rule the world, but nature will decide and eventually wipe us out.” In Oumou’s Welt gewinnt immer die Natur! Nichtsdestotrotz ist Natur für sie schützenswert; etwas wofür man persönlich Verantwortung übernimmt. Auch deswegen lebt sie kompromisslos vegan. “Veganism was a radical and impulsive choice. I decided to never look back.”

Ein harter Bruch, der mit der Zeit nicht nur einfacher wurde sondern auch neue Perspektiven eröffnet hat – so leckere Essenskreationen wie Orange-Basilikum-Sorbet zum Beispiel. „Veganism feels so normal, that any other way feels wrong.“ Oumou entdeckt nicht nur neue Rezepte, sondern auch ein neues Verantwortungsgefühl – für sich selbst.

Verantwortungsgefühle spielen für sie auch bei Pflanzen eine große Rolle: „Plants helped me to get a sense of responsibility.“ Sie liebt es Natur in ihr Zuhause zu bringen, sich mit Pflanzen zu verbinden, sie zu pflegen, mit ihnen zu interagieren. Sie umgibt sich mit Calatheen, einer Monstera, verschiedenen Sukkulenten und Kakteen. Wenn kein Platz mehr ist, werden schnell Wandschränke an die Wand gekloppt. Bücherregale? Völlig überbewertet! Hier entsteht eine Brutstation für Paprika. Und überhaupt, wer braucht Gardinen, wenn man Hängepflanzen hat? Green kids first! Beim Teetrinken beobachtet sie ihre grüne Brut jeden Tag, ist happy über jedes neue Blatt, verteidigt sie vor Ungeziefer und spielt ihnen sogar Musik vor! „They pretend to listen, but really they just want the oxygen!“. Kinder!

Und so kann Oumou Natur und Lebenszyklen nicht nur durch die Kameralinse, sondern auch haptisch erfahren – in ihrer Berliner Version einer Rosen-Mango-Farm.

 

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