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Diese Blüten lassen keinen kalt (German only)

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Urbane Botanik ist erstaunlich vielfältig – und vor allem bezaubernd. Der Journalist und Autor Paul-Philipp Hanske zeigt das anschaulich in seinem dritten, kürzlich erschienenen Buch “Die Blüten der Stadt”. Illustriert mit Fotografien von Christian Werner, beschreibt es siebzig Pflanzen anhand eines Jahreszyklus, und eröffnet neue Blickweisen auf altbekannte Sträucher und Blumen.

Zu der Serie Stadtpflanzen:

Die Artenvielfalt unter Stadtpflanzen ist enorm. In dieser Serie geht es um Menschen, für die Urban und Grün kein Widerspruch ist.

Er hat Bücher geschrieben über Psychedelika, über die Geschichte der Sexualität, und zuletzt über Pflanzen. Paul-Philipp Hanske führt uns durch die Stadt.

fyta: Paul, wie hat sich Dein Zugang zum städtischen Raum seit dem Schreiben des Buches geändert? Musst Du für Deine Wege nun mehr Zeit einplanen, weil es mehr zu erkennen gibt?
Paul:

Ja, schon. Mich interessiert, wie Pflanzen sich bemerkbar machen. Ich bleibe eigentlich ständig stehen, um an einer Rinde zu kratzen, an etwas zu rütteln, Blätter oder Blüten zu zerpflücken, oder an etwas zu schnuppern. Und ich habe München, wo ich lebe, für das Buch neu erkundet. Ich weiß jetzt, wo ist eine Wiese eher trocken ist und wo feucht, wo irgendetwas wächst, was an den Socken hängen bleibt. Das Schreiben des Buches hat mir das stärker bewusst gemacht, und ich habe innerlich eine botanische Karte der Stadt angelegt.

Pflanzen sind eine enorme Inspirationsquelle. Die Beispiele in Deinem Buch verdeutlichen den Einfluss, den sie auf uns haben.

Ja, man könnte eine eigene Kulturgeschichte schreiben, nur anhand von Pflanzenmetaphorik. Etwa die Erotik: Pflanzen waren schon immer Bildgeber für menschliche Erotik, Geschlechtsteile wurden mit Blüten verglichen, man spricht vom Dahinwelken der Liebe. Wir schauen Hunden nicht gern beim Vögeln zu, das empfinden wir als obszön. Die Pflanzenwelt war viel besser geeignet, Geschlechtliches zu kommunizieren, und zwar auf sehr elaborierte Weise. Auf der anderen Seite gibt es die eigene Sexualität der Pflanzen, die von dem schwedischen Botaniker Carl von Linné im 18. Jahrhundert entdeckt wurde – was eine unfassbare Abstraktionsleistung war, denn pflanzliche und tierische Sexualität haben äußerlich rein gar nichts gemein. Linné entdeckte in der geschlechtlichen Fortpflanzung so etwas wie das Grundprinzip des Lebens. Er öffnete damit den Denkraum für die moderne Genetik. Er war in jeder Hinsicht ein beautiful mind.

Ich wollte ein Buch schreiben, das sich Paare am Abend zum Einschlafen vorlesen.

fyta: In Deinem ersten Buch, "Neues von der anderen Seite", ging es um Psychedelika, im zweiten um die Geschichte der Sexualität. Du befasst Dich mit Chemie, mit Wirkungen und Wahrnehmungen, mit dem Potential pflanzlicher Substanzen – mit dem Zauberhaften.
Paul:

Dieses spezielle Verhältnis, dass Dinge eine eigene Macht bekommen, dass man fixiert ist, das interessiert mich. Im Psychedelika-Buch ging es um Bewusstseinsveränderung. In “Die Blüten der Stadt” habe ich das an
Pflanzen erprobt. Aber mir ist erst hinterher wirklich klar geworden, dass das ein explizit psychedelischer Vorgang war: sich in die Objektwelt der Pflanzen einsaugen zu lassen, zu sehen, was sie assoziativ in einem hervorrufen. Aber das Buch hat auch einen biographischen Kontext. Der schal-süße Duft des Ligusters wurde mir von meiner Mutter, die ihn sehr liebt, nahegebracht. Die blühende Kirsche im Garten meines Opas kam mir als Kind vor wie eine Wolke, die auf der Erde gelandet ist. Dass ich ihren Duft nicht greifen konnte, machte mich ganz verrückt. Ich habe versucht eine sehr persönliche Geschichte zu schreiben, in der aber kein einziges Mal das Wort “Ich”vorkommt.

Durch diese Mischung aus Anekdoten und Fakten liest sich das Buch ein bisschen wie ein Tagtraum.

Die Idee war, dass ich etwas im guten Sinne Langweiliges schreibe, einen Text, der ruhig dahinfließt und eine eigene, sehr lose Assoziationsmechanik hat. Ich wollte ein Buch schreiben, das man sich gut im Bett vorlesen kann. Wenn der Partner dann vor dem Ende des Kapitels einschläft, fände ich das auch nicht schlimm. Eigentlich wäre das sogar sehr schön.

Linde, Sommerjasmin und Geißbart in voller Blüte – ab Juni in den Straßen in deiner Stadt © Christian Werner

Good to know

Bis zum Jahr 2030 sollen über 60% der Weltbevölkerung in Städten leben. In Deutschland ist das schon heute so. Stadträume nehmen dabei global ungefähr 2% der Gesamtfläche ein.

Good to have

Die Blüten der Stadt

Paul-Philipp Hanske Autor

Illustriert mit Fotografien von Christian Werner. Suhrkamp Taschenbuch 4867, Flexcover, 286 Seiten, 18 Euro. 

https://amzn.to/2trxQCX

…und beim Buchhändler in Deines Vertrauens.

Text: vk@fyta
Regie: vk@fyta