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Fungi: Stranger than Fiction (German only)

Warum Pilze die heimlichen Herrscher des Planeten sind


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Man glaubt es kaum, aber das größte bekannte Lebewesen ist: ein unterirdischer Pilz. Unsichtbar und doch omnipräsent, ist der Einfluss von Pilzen auf unser Dasein immens. Denn sie nehmen die Welt auseinander, damit sie sich neugestaltet. Ein Beitrag von Jana Thiel

Wie jedes Jahr im Herbst begeben sich emsige Sammler in den Wald. Die einen ziehen mutig alleine los, andere schließen sich lieber Experten an: Zeit der Pilzsuche. Zuhause werden stolz die gesammelten Exemplare bewundert und in ein köstliches – hoffentlich bekömmliches – Pilzgericht verwandelt. Doch was machen diese vermeintlichen Waldbewohner eigentlich den Rest des Jahres?

Was wir oberirdisch auf dem Waldboden zu Gesicht bekommen, einen Stiel mit Hut oder Schwamm, das ist nur der Fruchtkörper. So wie ein Apfel am Baum eben der essbare Teil eines Systems ist. Als Fortpflanzungsorgan bildet der Fruchtkörper Sporen zur Vermehrung des Pilzes. Der eigentliche Pilzorganismus erstreckt sein zusammenhängendes Geflecht, das Myzel, teilweise kilometerweit unter der Erde. Im Jahr 2000 wurde ein solch gigantisches Pilzgeflecht im Bundesstaat Oregon, USA, entdeckt. Es ist eines der Sorte Hallimasch, genau gesagt, und über zweitausend Jahre alt. Der Pilz bewuchert in Oregon eine unterirdische Fläche von über neun Quadratkilometern. Das entspricht mehr als tausend Fußballfeldern!

Herbstzeit ist Pilzezeit

Nur weil wir sie nicht wahrnehmen, heißt es also nicht, dass die Pilze nicht da sind. Dass wir sie verkennen, spiegelt sich auch in ihrer Geschichte wider. Erst 1969 ordnete der Botaniker Robert Whittaker den Pilzen das Reich der Fungi zu; nach Tieren und Pflanzen ist es das drittgrößte Organismenreich der Erde. Davor wurden Pilze zu den Pflanzen gezählt. Dabei besteht eine nähere Verwandtschaft zum Tierreich: denn Pilze sind nicht wie Pflanzen in der Lage, per Photosynthese Energie aus anorganischem Sonnenlicht zu gewinnen – ähnlich wie Tiere und Menschen benötigen sie organische Nahrung, die sie mit Hilfe ihrer Enzyme zersetzen. Gerade deshalb suchen viele Pilze die Nähe zu Pflanzen. Und schätzungsweise 90% von denen sind damit mehr als einverstanden, denn sie profitieren von dieser besonderen Symbiose, die sich Mykorrhiza nennt.

Pilze verbinden Welten

Die Wurzeln von über 6000 Pflanzenarten sind von Mykorrhizapilzen umgeben. Die Pilze liefern den Pflanzen Nährsalze und Wasser aus dem Boden. Im Gegenzug erhalten sie Zucker aus der Photosynthese, die die Pflanze betreibt. Vor allem aber bilden Mykorrhizapilze obendrein ein höchst effektives unterirdisches Netzwerk, das den Pflanzen zur Kommunikation dient. Der Autor Peter Wohlleben (“Das geheime Leben der Bäume“) prägte dafür den Begriff ‘wood wide web‘. Innerhalb weniger Stunden können sich die Pflanzen über das vielverwobene Pilz-Internet mittels chemischer Signalstoffe beispielsweise gegenseitig vor Schädlingsbefall warnen. Pilze verbinden also unzählige Individuen miteinander.

Mehr als nur ein Champignon – wie Menschen Pilze nutzen

Der normale Waldbesucher ahnt zunächst nichts von dem, was unter der Erde vor sich geht. Sein Interesse gilt dem aromatischen Steinpilz, dem Pfifferling oder Maronenröhrling. Seit über sechstausend Jahren werden Pilze von Menschen genutzt, vor allem in ihrer Funktion als Destruenten, als Abbauer organischer Materie. Pilze schütten dazu Enzyme aus, die bestimmte chemische Reaktionen in Gang setzen und Nahrungsmoleküle spalten können, wie beispielweise in der Verdauung. Diese Enzyme werden auch in der Biotechnologie eingesetzt und sind bei der Lebensmittelproduktion von Brot, Milchprodukten und alkoholischen Getränken nicht mehr wegzudenken. Außerdem ermöglichen sie seit Langem die industrielle Papier- und Plastikproduktion. Wir sind auf Pilze angewiesen. Und sie haben uns spirituell geprägt: Darstellungen der Wirkung psylocibinhaltiger Pilze, auch Magic Mushrooms genannt, lassen sich in verschiedensten Kulturen finden – die ältesten sind geschätzte neuntausend Jahre alt.

 

Macht über Leben und Tod

Aber nicht alle von ihnen meinen es gut mit uns. Pilzkrankheiten erweisen sich nicht nur als äußerst unangenehm, sie enden in einigen Fällen auch tödlich. Interessant ist das Beispiel Schimmelpilz: einerseits kann er starke allergische Reaktionen hervorrufen, andrerseits rettet das antibiotisch wirkende Penicillin, aus dem Schimmelpilz gewonnen, tagtäglich tausende Menschenleben.

Pilze entscheiden demnach buchstäblich über Leben und Tod. Ohne Pilze wären Pflanzen niemals auf dieser Erde gewachsen, sie ermöglichten ihre Evolution an Land und damit die Grundlage allen Lebens. Andererseits befallen und zerstören sie immer wieder gesamte Ökosysteme. Aktuell richtet die von einem Pilz ausgelöste Panamakrankheit enormen Schaden in Bananenplantagen weltweit an. Pilze bescheren uns immer wieder kaum aufhaltbaren, irreparablen Schaden, und gleichzeitig immensen Nutzen.

Berühmt-berüchtigt: der Fliegenpilz
Berühmt-berüchtigt: der Fliegenpilz

Hoffnungsträger Pilz

Momentan sind Pilze besonders in der Biotechnologie im Fokus der Forschung. Die Produktion von Biokraftstoffen konkurriert oft mit der von Nahrungsmitteln. Im Streit um Ackerfläche heißt es regelrecht: Tank oder Teller? Pilze hingegen sind in der Lage, aus Bioabfällen den Grundstoff für Biosprit, das Cellulose-Ethanol, aufzuschließen.

Insbesondere die Landwirtschaft – und damit unsere Nahrungsmittelversorgung – könnte von den bereits erwähnten Mykorrhiza-Verbindungen profitieren. Die für Dünger notwendigen Phosphatquellen sind weltweit bald erschöpft. Dadurch wird es immer wichtiger, den bereits im Boden vorhandenen Phosphor für Pflanzen verfügbar zu machen. Im Bio-Anbau geschieht dies bereits – mithilfe von Mykorrhizapilzen, die den Nutzpflanzen die Aufnahme von Phosphat ermöglichen.

Und auch für die Belastung der Umwelt durch Kunststoff könnten Pilze Lösungsansätze liefern. Die Idee nennt sich Mycoremediation und bedeutet Sanierung (englisch remediation) durch Pilze (griechisch mýkēs). Die Technologie bezeichnet also die Entgiftung des Ökosystems. Pestalotiopsis microspora ist zum Beispiel in der Lage, Plastik zu verdauen, das unter normalen Umständen erst nach Jahrhunderten zersetzt wird. Und es geht noch weiter: Bei einer Untersuchung des zerstörten Atomreaktors von Tschernobyl mit Forschungsrobotern wurde ein wundersamer Fund gemacht. An diesem lebensfeindlichen Ort wachsen besondere schwarze Pilze. Wie sich herausstellte, wandeln sie radioaktive Strahlung in Energie für ihr eigenes Wachstum um. Sie könnten dadurch verseuchte Gebiete entgiften und danach gezielt entsorgt werden.

So hoch wie die Artenvielfalt im Reich der Pilze ist, so umfangreich zeigen sich auch ihre Erscheinungsformen und Einsatzmöglichkeiten. Und sie nehmen stetig zu: allein im Jahr 2017 wurden über zweitausend neue Pilzarten entdeckt. 144.000 Spezies sind bisher klassifiziert worden; über 90% sind noch unentdeckt. Die Welt der Pilze lässt sich also nicht auf den Fliegenpilz im Wald oder den Champignon auf dem Teller beschränken. Wir sind permanent von ihnen, von ihren Sporen, umgeben. Das zu nutzen ist eine Chance. Leben wir noch oder fungieren wir schon?