Culture

Wenn Pflanzen flüstern (German only)

Die Künstlerin Karine Bonneval setzt sich mit der Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze auseinander


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Die Beleuchtung der Schaukästen taucht die Räume des Botanischen Museums in gedimmtes Licht. Hier stehen Tafeln, konservierte Exponate, Fotos und Modelle. Man muss ein paar Räume durchqueren, um zur Ausstellung der französischen Künstlerin Karine Bonneval zu gelangen. „Sometimes I hear the plants whisper“ heißt sie, und man trifft hier auf Installationen, in denen man buchstäblich Gräser und Pilze wachsen hören kann. Denn die Künstlerin beschäftigt eine zentrale Frage: wie können wir uns mit Pflanzen verständigen?
fyta: Karine, Du hast Dir ein sehr spannendes Thema ausgesucht in Deiner Ausstellung. Sie ist ja auch das Ergebnis einer Residenz hier am Botanischen Museum, und Du hast lange zu dem Thema geforscht. Glaubst Du, dass Pflanzen mit uns kommunizieren möchten?
Karine Bonneval:

Das ist die große Frage, die aber nicht einfach zu beantworten ist. Ich arbeite gerade mit der Philosophin Karen Houle, die viel zu Pflanzenontologie und -ethik forscht, an einem Projekt. Und eine der Fragen der wir nachgehen ist, ob Pflanzen Informationen nur miteinander teilen, um ihr Überleben zu sichern, oder auch aus anderen Gründen kommunizieren. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir das noch nicht.

Wie stellst Du dir die Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze vor?

Naja, es geht nicht um Kommunikation in der klassischen Form, weil Pflanzen ja nicht wie wir über einen Mund oder eine ausgeprägte Körpersprache verfügen. Es geht mehr darum, Gemeinsamkeiten zu finden, die uns verbinden. Das Atmen zum Beispiel ist etwas, das wir gemeinsam haben. Wir atmen gemeinsam an denselben Orten.

Morphogenesis (2015): Mit mikroskopischen Fotografien verschiedener Pflanzenstämme setzt Karine Bonneval eine fiktive Pflanze zusammen Listen to the Soil (2018): Schwarze Tonskulpturen, inspiriert von den extravaganten Strukturen einzelliger Organismen, geben die Geräusche verschiedener Biotope von sich Dendromacy (2015): einen begehbarer Dom aus recyceltem Karton schmücken Petrischalen. Im Inneren lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Baum erfahren Dendromacy (2015, Detail): Mikroorganismen, die man ansonten auf menschlicher Haut und Baumrinde findet, teilen ihren Raum in einer Petrischale Waxtoria (2018): Die Modelle aus Rapswachs sind den botanischen Exponaten des Museums nachempfunden Seedstoria (2018): Ein Modell aus Palmölwachs, das Samen bedrohter Pflanzenarten beinhaltet Seedstoria (2018, Detail): Zwischen Kunst und Wissenschaft, mahnt die Arbeit an die natürliche Konservierung von Pflanzensamen

 

Es geht also um Verbindungen. In Deiner Arbeit "Constellations" kombinierst Du die Mikroorganismen, die man auf menschlicher Haut findet, mit denen, die auf der Rinde von Bäumen leben, in einer Petrischale.

Ja, genau. Da wir ja nicht wie gewohnt kommunizieren können, müssen wir andere Wege finden, unsere Erfahrungen zu teilen – und zwar am besten ohne komplexe Technologien. Mikroorganismen sind etwas, dass wir teilen können, weil sie uns gemeinsam sind. Wir sind voll davon, Bäume sind voll davon! Und wenn man in so einer kleinen Petrischale Mikroorganismen vereint, dann wird limitierter Raum problemlos geteilt. Es ist einfach und simpel – und eine Verbindung.

In Deinem Video „Become-plant“ gehst Du dann aber einen Schritt weiter - hier werden zwei Menschen, die durch die Gewächshäuser des Botanischen Gartens laufen, nach und nach zu Pflanzen.

Ja. Hier greife ich die Deleuze‘sche Theorie zur Pflanzwerdung auf und setzte sie visuell um. Aber es geht eigentlich auch wieder darum, zu ergründen, was wir mit Pflanzen gemeinsam haben. Wie man eine Intimität zu Pflanzen schaffen könnte.

Ah. Ich hatte mich gefragt, ob ich die sexuelle Konnotation richtig aufgegriffen hatte.

Ja, es ist schon fast ein food porn video, wie die da Erde essen (lacht). Ich wollte, dass das Video etwas Kink hat, und etwas Rock’n’Roll. Das ist eine Art Gegenentwurf zur der Idee der feinen Dame oder des Herren im Botanischen Garten. Ich wollte den Botanischen Garten und Pflanzen allgemein als etwas Nahbares und Schräges darstellen.

Become-plant, 2017 (Video Still). © Karine Bonneval
Zum Teil ist es hier im Museum schwierig, Deine Werke von den naturwissenschaftlichen Exponaten zu unterscheiden. War das beabsichtigt?

Der Ort war eine echte Entdeckung für mich. Viele Leute wissen nicht, dass das Botanische Museum in Berlin in dieser Form recht einzigartig ist. Es gibt nur wenige Länder, die ein Museum für Botanik haben. Das war mir auch nicht bewusst, bis jemand auf das Museum hinwies, als ich im Botanischen Garten eigentlich nach ein paar Bäumen suchte. Ich liebe die Pflanzendioramen und die Modelle dort. Die sind so schön, diese Formen, das fühlt sich fast an wie Kunst. Die haben auch so etwas Effizientes an sich, da ist nichts zu viel. Die Wachsarbeiten Waxtoria und Seedstoria wurden von den Exponaten inspiriert. Ich wollte, dass meine Arbeiten in einem Dialog zu den wissenschaftlichen Exponaten stehen.

Du beschäftigst Dich in Deiner Arbeit sehr viel mit Pflanzen und Natur. Woher rührt dieses starke Interesse?

Ich bin praktisch im Garten meiner Großmutter aufgewachsen und sie hatte eine sehr innige Beziehung zu Pflanzen. Fester Bestandteil meiner Arbeit wurden Pflanzen aber erst nach einer Reise in den Regenwald von Französisch-Guayana. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich wusste nicht sehr viel über Regenwälder und es war wunderschön, aber gleichzeitig auch beängstigend. Ich hatte das Gefühl, in einem lebenden Organismus zu sein. Das hatte ich mit Pflanzen vorher so nicht empfunden.

Ich war auch sehr beindruckt von Philippe Descola’s Buch „Beyond Nature and Culture“, und der Einsicht, dass unsere Welt erst seit vergleichsweise geringer Zeit von dieser anthropozentrischen Sichtweise geprägt ist, in der wir uns – den Menschen – über alles stellen und über uns vielleicht nur Gott sehen. Wir haben vergessen, dass wir in einer Welt leben, die bereits lange vor uns von lebenden Organismen bewohnt war. Ich finde es wichtig, Menschen darauf hinzuweisen, dass wir diese Welt gemeinsam mit vielen anderen, wundervollen, atmenden Lebewesen teilen. Wir müssen verstehen, dass wir die Welt nicht beherrschen. Wir sind nicht die Spitze der Lebenspyramide.

Dein Zugang ist also emotional und intellektuell gleichzeitig?

Ja, vielleicht. Ich liebe Pflanzen, aber ich denke nicht, dass ich emotional tief mit ihnen verbunden bin. Momentan würde ich meinen Zugang eher als intellektuell bezeichnen. Aber ich umgebe mich wirklich gerne mit Pflanzen und liebe es, in Wälder zu gehen. Und dabei geht es nicht nur um Freude, sondern auch um Angst. Es geht um starke Empfindungen.

Aufnahme von "Listen to the soil" (2018): die Tonskulpturen geben die Erdgeräusche aus Biotopen in verschiedenen Ländern wieder.

Die Ausstellung „Sometimes I hear the plants whisper“ von Karine Bonneval ist noch bis zum 2. September im Botanischen Museum in Berlin zu sehen. Am 30. August könnt ihr Karine dort bei einem Künstlergespräch auf der Finnisage treffen.