Culture

Pflanzen, Vergänglichkeit und die Absurdität der Existenz (German only)

Ein Gespräch mit dem Künstler Stefan Knauf


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Im Hof der Universität der Künste (UDK) Berlin steht ein kleiner tropischer Wald in Töpfen. Die großen Blätter der Bananenpflanzen werfen in der grellen Sonne ihre Schatten auf die weiße Hofwand. Der Künstler, Designer, und Pflanzenzüchter Stefan Knauf hat die Stauden hier geparkt. Teils gehören sie zu einer abgebauten Installation, teils sind sie das Resultat seiner Zucht. In seinen Arbeiten wirft Stefan oft existenzielle Fragen auf, und nutzt Pflanzen als Verweis: im absurden Theater menschlicher Kontrolle bestimmt der Konsum ihr Dasein.
fyta: Wow, so schöne Bananenstauden. Die hast Du selber gezüchtet?
Stefan Knauf:

Ja, genau. Das ist die Ensete ventricosum ‘Maurelii’, eine Zuchtmutation der roten Zier-Banane. Diese hier ist etwa drei Jahre alt, also fast ausgewachsen. Am Naturstandort wird sie aber gigantisch groß, bestimmt fünf oder sechs Meter. Und die andere daneben ist eine Wildbanane, die hat also noch Samen. ‘Maurelii’ hat die nicht, die kann sich nicht generativ vermehren. Sie wird normalerweise geklont, entweder durch Rhizomteilung oder in vitro Vermehrung im Labor.

Und warum stehen die hier?

Ich bin gerade dabei mein Atelier umzuziehen und musste die Stauden irgendwo zwischenlagern. Die brauchen sehr viel Licht, und sind daher als Zimmerpflanzen nicht geeignet. Da hat sich das Forum der UDK angeboten.

Stefan's Bananenstauden im Forum der UDK Berlin.
Und sind das die Stauden, die Du in Deiner Arbeit „Big Mike“ genutzt hast?

Nein, das waren andere Stauden. Bei Big Mike ging es um den Vorgänger der Cavendish Banane, das ist die Chiquita Banane, die Du aus dem Supermarkt kennst. Bevor die kultiviert wurde, gab es in den 50er Jahren die Big Mike, oder auch Gros Michel. Die war wohl etwas größer, süßer, und bananiger, erzählen die Zeitzeugen. Aber die wurde von der Panama-Krankheit nahezu komplett ausgelöscht. Das war ein Pilz, der alle Gros Michel Bananen befallen hat. Es gab dann auch erst einmal kaum Bananen auf dem Markt. Man versuchte händeringend, eine neue Bananensorte zu kultivieren, die zudem noch bessere Handelseigenschaften hat, wie zum Beispiel längere Lagerfähigkeit. Das war dann die Cavendish Banane. Auch die wird in vitro vermehrt, daher stammt jede der Millionen Cavendish Bananenpflanzen dieser Welt, genau wie die Big Mike, von einem Klon. Deswegen sind sie wahnsinnig anfällig für Krankheiten, weil die sich nicht selber an ihre natürliche Umgebung anpassen können. Und wenn es – wie in den 50er Jahren – ein Pilz geschafft hat, eine Banane zu befallen, kann der dann komplette Landstriche ausrotten. Die Cavendish Banane steht mittlerweile schon sehr unter Druck durch neue Pilzkrankheiten. Es kann gut sein, dass wir eines Tages im Supermarkt eine neue Dessertbanane finden. Es gibt ja hunderte von essbaren Bananensorten. Man bekommt die nur so selten. Wir essen fast immer nur den einen Klon.

Setfan's Wildbananen aus eigener Züchtung

Die Stauden der Wildbanane und ihre Kindel

Die rote Zierbanane in ihrer vollen Pracht

In der Lindenstrasse 1 geht es auch um Pflanzen. Hier thematisierst Du anhand der Goldfruchtpalme (Dypsis lutescens) ihre Arterhaltung und Domestizierung. Warum ausgerechnet die Goldfruchtpalme?

Die Dypsis lutescens ist eine Metapher. Es geht nicht nur um die Goldfruchtpalme und deren Rettung. Die wurde irgendwann mal ausgesucht von irgendwelchen findigen Züchtern, die begannen sie in vitro zu vermehren, weil sie widerstandsfähig und daher eine gut vermarktbare Pflanze ist. Die Klone kann man mittlerweile für €1,50 im Baumarkt kaufen, sie stehen überall in der Welt in Wohnzimmern und in Behörden auf dem Schreibtisch. Sie ist wirklich omnipräsent.
Und das ist auch alles in Ordnung, aber demgegenüber steht, dass der Naturstandort der Dypsis hochgefährdet ist. Und zwar soweit, dass es in der freien Natur nur noch eine Handvoll von Exemplaren gibt. Da passiert ein riesiger Raubbau, zum Beispiel in der Palmölproduktion in Madagaskar. Die Domestizierung der Dypsis erhält also ein Stück weit die Art, ähnlich wie bei Tieren, die nur noch im Zoo leben und nicht mehr in der Natur. Das ist einfach total absurd.

Du siehst das Wohnzimmer als Museum oder Zoo für lebende Pflanzen?

Das ist vielleicht ein zynischer Kommentar, der aber nicht zynisch gemeint ist. Es ist in dem Sinne ein starkes Bild – ein starkes Bild der menschlichen Selektivität. Dass man etwas aus der Natur wählt, es favorisiert, es für erhaltenswert bestimmt, es aber keine Rolle spielt wie der Naturstandort aussieht.

Gleichzeitig ist die Palme so ein starkes Sehnsuchtsmotiv, ein Motiv für Fernweh. Da reicht schon die Silhouette einer Palme um diese Assoziation hervorzurufen. Aber viele dieser Sehnsuchtsorte sind stark von Umweltproblemen und -katastrophen bedroht und kaputt. Das Bild des weißen Strandes mit der Kokospalme ist aber immer noch ganz stark da. Es existiert noch als Traum. Und der Gedanke, dass man diesen Traum und diese Sehnsucht hat, aber der wahre Ort tot ist – das geht mir sehr nahe.

Big Mike, 2017 © Stefan Knauf Lindenstrasse 1, 2018 © Stefan Knauf Lindenstrasse 3, 2018 © Stefan Knauf Via Vinzenzo Monti, 2018 © Stefan Knauf Via Vinzenzo Monti, 2018 © Stefan Knauf Via Vinzenzo Monti, 2018 (Detail) © Stefan Knauf

 

Für die meisten Menschen, die aktiv Pflanzen züchten, ist die Arterhaltung in der Regel eher zweitrangig. Stattdessen geht es - bewusst oder unbewusst - um den Akt der Vermehrung und der Fortpflanzung, also der Schaffung von Leben.

Mit Sicherheit. Man erlangt Macht über einen Organismus. Man kreiert Leben und beschließt, dass dieses Leben lebenswert ist, und man erhält und pflegt es. Und gleichzeitig entsteht da eine wechselseitige Abhängigkeit. Das Züchten externalisiert diesen Konflikt.

Und mit diesem Konflikt, dieser Abhängigkeitsbeziehung, konfrontierst Du die Betrachter der Lindenstrasse, indem Du sie dazu aufforderst, die Dypsis mit den Samen aus dem Kaugummiautomaten zu züchten?!

Ja, genau. (lacht)

Du selber gibst diese Abhängigkeitsbeziehung zu den Pflanzen in Deinen Arbeiten aber auf, oder?

Ja. So eine Palme am Leben zu erhalten verlangt einem viel ab. Man brockt sich da schon was ein an Verantwortung. Man kann die Arbeiten nicht einfach in die Kiste stellen und einlagern. Deswegen sind sie vielleicht auch zeitbasiert, weil sie in dem Zustand nicht ewig existieren, weil die Pflanze wächst, sie irgendwann zu groß oder vielleicht ersetzt wird. Da ist dann wieder dieses Vergänglichkeitsmoment. Mich schmerzt der Gedanke ungemein, dass die Pflanzen als Teil des Kunstwerkes vermutlich sterben werden.

In Stefan's neuer Wohnung: Das Dachgeschoss baut er selber aus

Die kleine Strelitzienzüchtung der Sorte Mandela's Gold auf dem Balkon

Werkzeug und Gipsformen für Piazza del Cuore Sviato, I und II

Du arbeitest viel mit Materialen wie Bronze, Holz, Granit und Kupfer. Pflanzen kommen aber auch immer wieder in Deinen Arbeiten vor. Was interessiert Dich an ihnen?

Zunächst einmal ist mein Interesse an Pflanzen in erster Linie privat. Das hat eigentlich nicht viel mit meinen künstlerischen Positionen tun. Aber ich merke zunehmend, dass sich Privates und Künstlerisches vermischen. Insofern werden Pflanzen bestimmt immer mal wieder in meinen Arbeiten vorkommen.

Grundsätzlich verkörpern Pflanzen für mich eine unglaubliche Stärke. Man kann Pflanzen nicht stoppen. Man kann sie nicht einfrieren. Am fortschreitenden Wachstum einer Pflanze nimmt man ja auch selber wahr, dass man altert. Sie drücken einerseits Vergänglichkeit aus, andererseits Beständigkeit, ein Überdauern der eigenen Vergänglichkeit. Pflanzen als Material öffnen solch einen starken, wunderbaren Assoziationsraum. Insofern weisen sie ähnliche Eigenschaften auf wie die anderen Materialien mit denen ich arbeite.

Stefan bearbeitet das Wachsmodel für den Bronzeguss für seine neue Arbeit "Piazza del Cuore Sviato"

Ein anderes großes Thema in Deiner künstlerischen Arbeit ist der Glaube, wie kürzlich in „Piazza del Cuore Sviato I-V”. Auch als Teil des Designteams vom Studio Sacrale produzierst Du Objekte, die die Idee von Bestand thematisieren.

Was mich interessiert, ist die Tatsache, dass wir ja in einer recht säkularisierten Welt leben – und gleichzeitig werden Religion und Glauben in verschiedenen Erscheinungsformen immer präsenter. Im post-modernen oder post-faktischen Zeitalter, von dem man ja heute spricht, ist der Glaube für viele zunehmend relevanter als Wahrheit und Fakten. Das hat viel damit zu tun, dass wir selbst in unserer verwissenschaftlichten und technologisierten Welt zu dem Schluss kommen, dass wir keine Lösungen haben. Dass wir nicht nur den Naturkatastrophen, sondern auch den banalsten Problemen hilflos ausgeliefert sind.

Das fertige Werk: Piazza del Cuore Sviato I-V, 2018 © Stefan Knauf

Bis zum 7. September ist Stefan‘s neueste Arbeit „Piazza del Cuore Sviato I-V“ in der aktuellen Gruppenausstellung „Losing My Virginity“ in der Galerie Grunenberg zu sehen: https://www.robertgrunenberg.com/exhibitions

Informationen und Arbeiten des Studio Sacrale, das Stefan gemeinsam mit Arne Soltau führt, findet ihr hier: http://studiosacrale.com

 

 

good to know

Wie vermehren sich Bananen in der Natur, und was bedeutet Klonen?

Grundsätzlich haben Pflanzen zwei Möglichkeiten, sich zu vermehren: bei der sexuellen Form (der sogenannten generativen Vermehrung) wird der weibliche Fruchtknoten vom männlichen Pollen befruchtet, so dass Samen mit neu kombiniertem Erbgut beider Eltern entstehen. Das ist also eine Vermehrung wie beim Menschen, der Fruchknoten entspricht der Eizelle, der Pollen dem Samen. Diese Vermehrung hat zur Folge, dass pflanzliches Genmaterial wild gemischt wird. So kann sich die Pflanze an ihre Umgebung anpassen, Evolution betreiben.

Die Dessertbanane, die wir vom Markt kennen, ist ursprünglich eine unfruchtbare Mutation. Ein genetischer Defekt hatte dazu geführt, dass ihr die Samen fehlten. Beim Verspeisen ist dieser Umstand natürlich angenehm. Aber die Reproduktion funktioniert seit Jahrhunderten nur asexuell (vegetativ): wir müssen diese Form von Banane klonen.

Es gibt auch Pflanzen (u.a. einige Bananen), die sich in der Natur vegetativ vermehren, um sich schneller auszubreiten. Sie treiben aus ihrem Wurzelstock Sprosse mit ihrer identischen Genetik, sozusagen Klone ihrer selbst.

Im kleinen Agrarbau werden sie vermehrt, indem diese von der Mutterpflanze gebildete Wurzelsprosse, sogenannte Kindel, von den Bauern ausgegraben und an einer anderen Stelle neu eingepflanzt werden. Die meisten Pflanzen für großflächigen Bananenanbau werden aber im Labor gezogen. Aus Stückchen von Bananenblättern entstehen auf einem Nährboden Gewebekulturen, aus deren Zellen tausende neue Pflanzen wachsen. Sie sind alle identische Klone der Mutterpflanze. Die Laborpflanzen wachsen unter sterilen Bedingungen, ohne jemals mit Erde oder Pilzen in Berührung zu kommen, und sind nach dem Auspflanzen einem Pilzbefall hilflos ausgeliefert. Die Natur ist im Angebot aber ursprünglich sehr großzügig: es gibt etwa vierhundert Sorten essbarer Dessertbananen.