Culture

Mit Blumenbildern an Grenzen gehen (German only)

Warum Maria Sybilla Merian heute relevanter ist denn je


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Ihre botanischen Zeichnungen kennt man aus Büchern, von Postkarten, Kalendern und Porzellan. Sie war außerordentlich mutig und lebte unkonventionell: Maria Sybilla Merian unternahm weite Forschungsreisen, unabhängig und als geschieden Frau. Vor allem hat sie die gängigen Darstellungen von Pflanzen verändert - und damit die Grenzen zwischen Ästhetik und Wissenschaft neu definiert. Porträt einer Pionierin. Von Jana Thiel.

Im Jahr 1960 in einem Garten in Frankfurt am Main sitzt alleine ein Mädchen, etwa dreizehn Jahre alt. In der Hand hält es eine kleine Schachtel, die es mit Luftlöchern versehen hat. Darin: Eine Seidenraupe. Seit einiger Zeit schon hat es das kleine Tierchen gefüttert und beim Spinnen des Seidenfadens beobachtet, bald wird es umgeben sein von einem festen Kokon. Dann wird die spannende Zeit des Wartens beginnen, bis aus dem Kokon ein Schmetterling schlüpft.

Das Mädchen heißt Maria Sibylla Merian. Die junge Forscherin weiß bereits, dass es noch sicher sieben Tage dauern wird, trotzdem schaut sie immer wieder ungeduldig in die kleine Kiste. Sie möchte nichts verpassen, die Insekten und ihre Verwandlung genau miterleben und dokumentieren, sich „zugleich in der Malkunst üben und sie alle nach der Natur zeichnen und beschreiben“. So notiert sie es in ihrem Studienbuch.

Die Neugierde der jugendlichen Merian ist grenzen- ja, skrupellos. In einem Bürgergarten stielt sie kostbare Tulpen und kann sich nur deshalb einer Strafe entziehen, weil die daraufhin von ihr angefertigte Studie den Gartenbesitzer so sehr beeindruckt.

Merian begreift die Natur in ihren Zusammenhängen 

1647 wird sie in Frankfurt in eine Familie hineingeboren, in der Kunst, Reproduktion und Publikation eine große Rolle spielen; ihr Vater, Matthäus Merian d. Ä., war Verleger und Kupferstecher. Frankfurt ist ein wichtiger europäischer Handelsort, hier floriert neben Blumen- und Kunsthandel auch der Textilmarkt. Seidenraupen sind von wirtschaftlichem Interesse, so dass Merians seltsames Hobbie geduldet wird. In der freien Reichsstadt Frankfurt leben außerdem viele Calvinisten, denen auch die Familie Merian angehört. Der reformierte Glauben ist auch in ihrem späteren Leben eine treibende Kraft für Maria Sibylla. Als der Vater früh stirbt, heiratet die Mutter den Maler Jacob Marell. Er unterrichtet seine Stieftochter in Malen, Zeichnen und Kupferstechen. Diese Prägung ist Wegbereiter ihrer künstlerischen Darstellung. Sie wird ihre Vollendung in einem ganz eigenen Stil finden: in eine Form der ganzheitlichen Illustration.

Was sich dahinter verbirgt, erschließt sich bei genauerem Hinschauen. Da sieht man eine Pflanze, geschwungene Linien winden sich empor, formen junge Blätter, Triebe, Ranken, irgendwo ist eine Knospe zu erkennen, darüber eine prächtige Blüte, über einem voll entwickelten Blatt sogar eine Frucht – ausgereift. Und am Fuße der Pflanze eine bereits abgefallene Frucht; aufgebrochen gibt sie die Samen in ihrem Inneren zu erkennen. Und am Rand der Frucht? Da ist etwas zu sehen, ein wurmartiges Etwas frisst sich durch das Fruchtfleisch. Eine Larve. Daneben ein Ei. Und weiter oben, noch mehr Tierchen! Eine Raupe knabbert an einem Blatt, das daneben muss wohl ein Kokon sein, aus dem zu guter Letzt ein farbenprächtiger Falter schlüpft – da fliegt er auch schon davon. Es ist phantastisch: das Bild scheint zu leben, sich zu bewegen.

In ihrem letzten Werk Metamorphosis insectorum Surinamensium leben Insekten und Pflanzen gemeinsam auf dem Papier

Lebendige Pflanzenporträts statt bewegungsloser Stillleben

1675 veröffentlicht sie den ersten Band ihres ersten Werkes, das ‚Neue Blumenbuch’. Zwei weitere folgen in den Jahren darauf. Mehr und mehr erhält das teils als Lehrbuch, teils als Vorlage zum Sticken gedachte Werk die Züge, die Merian heute auszeichnen. Die Kupferstich-Tafeln zeigen Studien populärer Blumen wie Narzissen, Hyazinthen, Anemonen, Lilien, Rosen, und Tulpen. Nach und nach auch Insekten.

Das sogenannte Raupenbuch mit dem Untertitel ‘Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung‘ entsteht 1679. Während ihrer Streifzüge durch die Wiesen und Wälder stellt Merian fest, dass jedes Insekt eine Wirtspflanze braucht, auf der es lebt, von der es sich ernährt und auf welcher es sich vermehrt. All das bildet sie ab.

Oft wird ihr vorgeworfen, ihre Darstellungen seien fehlerhaft, zu frei in der Interpretation. Merian verteidigt sich in ihrem Studienbuch: „Den schönen schwarzen mit roten und gelben Flecken verzierten und auf der Frucht sitzenden Käfer habe ich wegen seiner Seltenheit hier hinzugesetzt, um den Stich auszufüllen und zu schmücken, obwohl ich seine Herkunft nicht kenne. Ich will seine Erforschung gern anderen überlassen“. Sie ist sich ihrer künstlerischen Freiheit bewusst, sie ist ihr sogar enorm wichtig.

Ständig ist sie auf der Suche nach neuer Inspiration, nach Unbekanntem, das es zu erforschen gilt. Als interessierte und ehrgeizige Frau besucht sie Gärten, Gewächshäuser, Orangerien und Naturalienkabinette. Hat sie etwas gefunden, muss alles genau untersucht werden, die Pflanze und die Insekten in der Umgebung. Minutiös, aufs Höchste genau. Jedes Detail ist wichtig. Zufrieden ist sie erst dann, wenn ihr der Brückenschlag gelungen ist: der Eklektizismus von Ästhetik und Wissenschaft, inspiriert von der Pflanze – sowohl Studienobjekt als auch künstlerische Inspiration.

Das ist das Besondere an vielen späteren Bildern Merians. Sie distanziert sich von den stilisierten Arrangements, dem Barock ihrer Zeit. Mutig umgeht sie die sachlich klassifizierende Reproduktion, die grafisch eingefrorenen oder zergliederten Schemata der Natur ihrer Vorgänger.

Merian war größer als das Leben

Und auch persönlich sprengt Merian Konventionen. 1691 trennt sie sich von ihrem Mann. Acht Jahre später steigt die mittlerweile geschiedene Frau 1699 im Hafen von Amsterdam mit ihrer jüngeren Tochter auf ein Schiff in Richtung Amerika. Die deutsche und niederländische Flora und Fauna kann ihrem Forscherdrang nicht mehr gerecht werden, Tropenforschung muss es sein! Mehrere Wochen wird sie unterwegs sein, Gefahren in Kauf nehmen, unwissend was sie erwartet eine Forschungsreise antreten – 100 Jahre bevor Naturforscher wie Alexander von Humboldt für ihre Expeditionen gefeiert wurden. In ihren Reiseaufzeichnungen kombiniert sie wie gewohnt Insektendarstellungen mit Zeichnungen tropischer Pflanzen wie Bananen, Zitronen, Ananas und Vanille. 1705 wird daraus ihr letztes Werk, ‘Metamorphosis insectorum Surinamensium‘. Merian hat sich weiterentwickelt: anstelle theologischer Begleittexte finden sich wissenschaftliche Bestimmungen unter den dargestellten Pflanzen. Als erfahrene Forscherin begreift sie die Natur mittlerweile in ihrem gesamten Umfang, nämlich im erweiterten Kontext mit Kultur und Gesellschaft, verwebt botanische Erkenntnisse mit den Umständen vor Ort. Ihre Arbeit nimmt ethnobotanische Qualität an. So beschreibt sie beispielsweise wie Frauen den Samen einer bestimmten Pflanze als Abtreibungsmittel verwenden, „damit ihre Kinder keine Sklaven werden, wie sie es sind“.

Als sie im Jahr 1701 wegen einer schweren Malaria von ihrer Reise zurückkehrt, ist es ihr gelungen, mit dem traditionellen Rollenbild der Frau zu brechen und bekannter zu werden, als ihr Vater. Einer ihrer Kupferstiche wurde kürzlich für 38.400 Euro versteigert. Ihr Gesicht zierte den 500 DM Schein. Was für eine Ironie, wo sie doch nach einem Schlaganfall und zwei Jahren im Rollstuhl als sogenanntes Almosenweib im Jahr 1717 in Armut stirbt.

In einer Zeit, in der unter Gelehrten noch die Theorie verbreitet war, Insekten würden aus dem Schlamm geboren, erforschte sie ihre wirkliche Vermehrung. Ihre botanischen Illustrationen zeigen Wachstum, Metamorphose, das Zusammenleben von Pflanzen und Tieren wie in einem Ökosystem: sie sind die Darstellung einer Vorstellungskraft, die den Zusammenhang erkennt. Sie begeistern für die Welt der Pflanzen und suggerieren einen gesamtheitlichen Blick auf die Natur – bis heute.